10.12.2019

Stau im Urlaubsparadies

Island boomt: In kurzer Zeit hat sich der Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes entwickelt. 2018 kamen 2,34 Millionen Menschen aus aller Welt auf die Insel - negative Folgen inklusive. Künftig will Island die Besuchermassen regulieren. 

 

Wohnmobil steht am Berghang. Bild von Jairph auf Unsplash.
Tourismus auf Abwegen: Island setzt auf mehr Nachhaltigkeit. © Jairph auf Unsplash.

 

Das Wort "umferdarhnútur" war in Island lange Zeit nur vom Hörensagen bekannt. Schließlich leben auf der Insel gerade einmal 350.000 Menschen. Doch mit dem Touristenboom kamen auch die Staus.

 

Vor allem auf den Straßen im Süden geht zuweilen nichts mehr; auf der Ringstraße, die einmal um die Insel führt, musste gar der Asphalt nachgebessert werden.

 

Zog es im Jahr 1950 gerade einmal 4.000 Feriengäste nach Island, waren es 2010 schon knapp 490.000. Seither hat sich die Zahl der Reisenden auf 2,34 Millionen (2018) fast verfünffacht. Die Insel führt damit die Touristik-Statistiken für Nordeuropa an.

  • Drei Viertel der Urlauberinnen und Urlauber stammen aus Europa,
  • vor allem aus Großbritannien und Deutschland.
  • 23 Prozent der Gäste kommen aus den USA,
  • und auch in China und Russland ist die Insel ein beliebtes Reiseziel.

Längst hat sich der Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftszweig Islands entwickelt. Er machte 2018 rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus und spülte mehr als drei Billionen US-Dollar in die Haushaltskasse des Landes.

 

Löhne und Importe aus dem Ausland stiegen und mit ihnen auch der Lebensstandard vieler Isländerinnen und Isländer. 

 

Viele Gründe für den Island-Boom

 

Die Gründe für den Island-Boom sind vielfältig. Vielen Naturliebhaber:innen gilt es als das schönste Land der Erde. Und seit Fluggesellschaften wie Iceland Express oder Wow Air günstige Flüge nach Reykjavı́k anboten, kamen die Gäste in Scharen – zumal die Preise für Hotels und Restaurants im Zuge der Finanzkrise 2008 um bis zu 70% sanken.

 

Das fröhliche Auftreten der Isländer:innen bei Fußball-EM und Weltmeisterschaft sorgte für ein positives Image.

 

Und zudem rückten Film, Fernsehen und Internet die Insel in Szene – wurden doch Teile von Game of Thrones auf Island gedreht, genauso wie James Bond – Stirb an einem anderen Tag (2002) und Star Wars – Rogue One (2016). Kritiker des Touristenbooms sprechen daher auch bereits von einem „Disneyland“.

 

Eine stärkere Regulierung soll künftig helfen, die Tourist:innenströme besser zu steuern.

 

So wurden in Reykjavı́k große Busse aus dem Zentrum verbannt; viele der neu gebauten Hotels, aber auch Museen, Kunstgalerien und Bars verteilen sich über die gesamte Stadt.

 

Auch ein Schutzfonds für Sehenswürdigkeiten wurde eingerichtet; mit dem Geld sollen Wege, Toiletten und andere Infrastruktur finanziert werden. 

 

Zahl der Feriengäste 2019 gesunken

 

Allein: 2019 ist die Zahl der Feriengäste erstmals in diesem Jahrzehnt gesunken. Ein Grund dafür dürfte die Insolvenz des Billigfliegers Wow Airline sein, der in der Vergangenheit mehr als 30% der Reisenden nach Island transportierte.

 

Der deutliche Einbruch der Touristenzahlen hat bereits spürbare Folgen für Wirtschaftswachstum und Bruttoinlandsprodukt. In Island ist man jedoch zuversichtlich, dass es sich nur um eine kurzzeitige Delle handelt – und setzt auch künftig auf den Tourismus.

 

Urlauberinnen und Urlauber will man vermehrt in die bisher vernachlässigten Regionen locken. Zudem soll die Nebensaison attraktiver werden – auch die Polarlichter seien schließlich eine Reise wert, so das Argument des isländischen Fremdenverkehrsamtes Visit Iceland

 

Die Isländerinnen und Isländer selbst, so hat Island-Experte Richard Sale beobachtet, bleiben im Winter lieber drinnen und spähen jeden Morgen aufs Neue vorsichtig aus dem Fenster – in der Hoffnung, der Frühling möge endlich da sein.

 

 

Dieser Text ist zuerst im DIG-Newsletter 2019 erschienen. 


Ähnliche Beiträge

25.04.2021 | Foto: Unsplash

Tourismus: IWF mahnt

Islands Wirtschaft zu abhängig von der Branche. Mehr

08.05.2021 | Foto: Unsplash

Wirtschaft geschrumpft

In der Pandemie sind viele Jobs in Island weggebrochen. Mehr