06.09.2023

Narben des Lebens

Mit Hotel Silence zeichnet Auður Ava Ólafsdóttir einen ratlosen Antihelden, der das Leben satt hat. Er macht sich auf den Weg in ein kriegsversehrtes Land, um in Ruhe sterben zu können. Doch was eine Reise in den Tod werden soll, wird zu einem Neuanfang.

 

Leuchtendes Hotelschild bei Nacht. Bild von ph-b auf Unsplash.
Im "Hotel Silence" findet Antiheld Jónas ins Leben zurück. © ph-b auf Unsplash.

 

Der Held hat das Leben satt. 49 Jahre alt, von seiner Frau verlassen, die Tochter ist nicht sein leibliches Kind, die demente Mutter im Pflegeheim – Jónas Ebeneser will Schluss machen. Nur wie?

 

Mit einem Gewehr wie Ernest Hemingway oder doch im Schlafzimmer erhängen, und welche Kleidung ist angemessen? Und was, wenn ihn Tochter Vatnalilja findet? Sterben ist gar nicht so einfach, und so entschließt sich Jónas, seinen Abschied lieber fern der Heimat zu nehmen.

 

Er reist in ein kriegsversehrtes Land, ohne Gepäck und Rückticket, dafür mit einer Bohrmaschine – nur für den Fall, dass er an der Decke einen Haken für die Schlinge anbringen muss. Er steigt in einer heruntergekommenen Pension ab, in der es so still ist wie im ganzen Dorf.

 

In ihrem im Juni auf Deutsch erschienenen Roman Hotel Silence erzählt Auður Ava Ólafsdóttir die Geschichte eines verzweifelten Mannes, der zum Sterben in die Ferne reist und dort ins Leben zurückfindet.

 

Es geht um Narben

 

Erst hilft Jónas dem Geschwisterpaar, die marode Pension auf Vordermann zu bringen, dann den Frauen im Ort – und schon bald hat er es mit dem Sterben nicht mehr so eilig. Die Begegnungen im Ort lassen ihn wieder nach vorne blicken.

 

In einem Land, in dem „Blut durch die Flussbetten fließt“, erscheint das eigene Unglück weniger schlimm.

 

Ólafsdóttir zeichnet eine vom Krieg versehrte Region irgendwo im Niemandsland, in dem ein fragiler Waffenstillstand nur wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft liefert. 

 

Der Titel des 2016 auf Isländisch erschienenen Buches, das mit dem Isländischen Literaturpreis sowie dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde und derzeit von der schweizerisch-kanadischen Regisseurin Léa Pool verfilmt wird, lautet im Original Ör (dt. Narben).

 

Und um Narben geht es in dem Roman: persönliche Verletzungen, aber auch die Verwundungen, die ein Krieg mit sich bringt. Obwohl bereits 2016 erstmals erschienen, könnte das Buch aktueller nicht sein. Wie geht man um mit Trauer und Verlust, Leid und Zerstörung?

 

Elegant und lakonisch berichtet die Autorin von der Schwermut der Hauptfigur, dem Schmerz der Überlebenden und der Suche nach Sinn. Ein Buch, das zwischen feiner Melancholie und komischen Momenten wechselt. 

 

Jónas, der Antiheld, gibt auf die Versehrungen um ihn herum seine eigene Antwort, indem er zum Bohrer greift und Kaputtes heil macht. Am Ende ist es sein Nachbar Svanur, der stirbt, und Jónas kehrt nach Island zurück. Mit Narben zwar, aber die wunde Seele geheilt.

 

 

 

 

Auður Ava Ólafsdóttir

Hotel Silence

Insel Verlag 2023

205 Seiten



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