12.02.2026

Kämpfen in eigener Sache

Seit einem Jahr ist die Volkspartei in Island Teil der Regierung. Die Fraktion hat sich den Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben. Doch bisher haben die Populisten vor allem durch politische Fehler im Parlament von sich reden gemacht. 

 

Ampel in Akureyri. Bild von Hunter Reilly auf Unsplash.
Falsch abgebogen: Die Volkspartei sucht ihre Rolle in der Koalition. © Hunter Reilly auf Unsplash.

Bildung first. Damit begründete Parteivorsitzende Inga Sæland im Januar ihren Wechsel an die Spitze des Ministeriums für Bildung und Kinderbelange.

 

Doch das dürfte nur die eine Seite der Medaille sein bei der jüngsten Rochade in der Regierungskoalition.

 

Denn die populistische Volkspartei (Flokkur fólksins) ist auf Erfolge dringend angewiesen. Nach einem Jahr im Amt läuft es für die kleinste Fraktion in dem Dreier-Bündnis mit der sozialistischen Allianz (Samfylkingin) und der liberalen Reformpartei (Viðreisn) alles andere als rund.

 

Die Partei, die erst 2016 gegründet worden war und schon ein Jahr später ins AlÞing – das isländische Parlament – einzog, hat sich den Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit und einen starken Staat, gegen die grassierende Inflation, hohe Zinsen und die Wohnungsnot auf die Fahnen geschrieben.

 

Seit der Gründung konnte sie ihre Position festigen und sich im Wahlkampf Ende 2024 erfolgreich als Sprachrohr der Abgehängten darstellen. Im Kabinett Kristrún Frostadóttir erhielt die Volkspartei drei Ministerien.

 

Doch im ersten Regierungsjahr musste die Partei, die im Parlament auf zehn Sitze kommt, vor allem in eigener Sache kämpfen und zwei Ministerrücktritte in nur einem Jahr verschmerzen – ausgerechnet in dem Feld, in dem die Populisten punkten wollten: der Bildung, die auch in Island zunehmend die politische Agenda bestimmt.

 

Bei der jüngsten PISA-Studie, die Schulleistungen weltweit vergleicht, ist der Inselstaat erstmals unter den Durchschnitt der OECD-Staaten gerutscht; isländische Schulen leiden an häufigen Personalwechseln und dem Mangel an ausgebildeten Lehrkräften. 

 

Zwei Ministerrücktritte in einem Jahr

 

Genug zu tun also. Doch nach nur drei Monaten im Amt trat Ásthildur Lóa Thórsdóttir im März als Ministerin zurück, nachdem bekannt geworden war, dass sie als junge Frau ein Kind von einem damals 16 Jahre alten Teenager bekommen hatte. 

 

Anfang Januar musste auch der stellvertretende Parteivorsitzende Guðmundur Ingi Kristinsson, der ihr im Mai ins Amt gefolgt war, seinen Posten aufgrund einer Herzerkrankung niederlegen.

 

Nun also soll es die Chefin richten. Nach der Regierungsbildung im Dezember 2024 hatte Inga Sæland zunächst das Sozial- und Wohnungsressort übernommen. Die Politikerin weiß, wovon sie spricht: Mehr als die Hälfte ihres Lebens war sie selbst auf Sozialleistungen angewiesen.

 

Aufgrund einer falsch behandelten Krankheit in Kindertagen verfügt sie nur noch über 10 Prozent Sehkraft. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Ólafsfjörður im Norden Islands, holte sie erst mit Ende 30 ihre höhere Schulbildung nach und studierte bis 2016 Rechtswissenschaften.

 

Im gleichen Jahr trat sie erstmals bei den Parlamentswahlen an. Da war sie 57. Die Volkspartei hatte sie am heimischen Küchentisch gegründet. Ihr erklärtes Ziel: die Armut in Island auszumerzen.

 

Allein, bisher machen die Fraktion und ihre oft kompromisslos auftretende Vorsitzende vor allem durch politische Fehler von sich reden.


Islands Regierung

 

Premierministerin:

Kristrún Frostadóttir (Allianz

 

Außenministerium:

Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir (Reformpartei)

  

Finanz- und Wirtschaftsministerium:

Daði Már Kristófersson (Reformpartei)

 

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Kurz nach der Regierungsbildung berichtete die isländische Tageszeitung Morgunbladid, dass die Volkspartei seit ihrem Einzug ins Parlament unrechtmäßig Staatsgelder bezogen habe. Inga Sæland antwortete mit einer Attacke auf die Redaktion und musste sich daraufhin den Vorwurf gefallen lassen, die Pressefreiheit mit Füßen zu treten.

 

Auch wenn es um private Interessen geht, ist Inga Sæland nicht zimperlich: Als ihr Enkelkind seine Schuhe vermisste, griff die Politikerin umgehend zum Telefonhörer und erinnerte den Rektor an ihren Einfluss. Die verloren geglaubten Schuhe fanden sich schließlich wieder ein – und die Parteichefin war gezwungen, sich für den Anruf zu entschuldigen.

 

Das umstrittene Auftreten ihrer Vorsitzenden macht es für die Partei nicht einfacher, geht es doch gerade im Sozial- und Wohnungswesen vor allem um eines: einen Berg von ungelösten Problemen.

 

Bereits die Vorgängerregierung hatte versucht, insbesondere den Airbnb-Boom in der Hauptstadtregion rund um Reykjavík einzudämmen, um der Wohnungskrise zu begegnen.

 

Erste Amtshandlung: Task Force

 

Eine von Inga Sælands ersten Amtshandlungen war die Einrichtung einer Task Force, die den Auftrag hat, Sofortmaßnahmen zu ergreifen und langfristige Verbesserungsvorschläge vorzulegen.

 

Die neue Arbeitsgruppe soll bis zum Ende der Legislaturperiode liefern – ein Hinweis darauf, dass die bisherige Amtschefin selbst nicht an schnelle Erfolge glaubte.

 

Stattdessen machte ihr Haus mit Negativschlagzeilen von sich reden: Ein Großteil der Unterkünfte, die für Asylbewerber bereitstehen, sei nicht belegt, musste das Ministerium in einer parlamentarischen Anfrage einräumen.

 

Das passt ins Bild, treten Inga Sæland und ihre Partei – nicht zuletzt mit Blick auf den derzeit erneut diskutierten Beitritt Islands zur Europäischen Union – doch gerne betont nationalistisch auf.

 

Positionen, mit denen sich die Populisten in dem durch die veränderte geopolitische Lage zutiefst verunsicherten Island zunehmend isolieren.

 

Politischer Befreiungsschlag

 

Der jetzt erfolgte Ressortwechsel soll daher auch ein politischer Befreiungsschlag werden.

 

Nachfolger an der Spitze des Ministeriums für Soziales und Wohnungswesen ist der bisherige Fraktionschef im Parlament, Ragnar Þór Ingólfsson, der bereits die von der Regierung berufene Arbeitsgruppe zum Thema Wohnen geleitet hatte.

 

Nach Bekanntgabe des Regierungsumbildung betonte die Parteichefin, dass ihr Nachfolger alle begonnenen Projekte fortführen werde. Die Volkspartei will endlich mit politischen Erfolgen von sich reden machen.

 

Als Bildungsministerin will Inga Sæland das Lesen in den Mittelpunkt rücken. Ihre Diagnose: Viele Schülerinnen und Schüler können nur einzelne Buchstaben entziffern – aber verstehen den Text nicht. Der Grund: Dauerberieselung durch die sozialen Medien. Die Lösung scheint einfach: eine Altersgrenze von 15 Jahren.

 

Allein, Fachleute sind skeptisch und halten ein Verbot für realitätsfremd. Das ficht die Befürworter nicht an. Politik ganz nach dem Geschmack der Populisten.

 

Nachfolgerin von Ragnar Þór Ingólfsson als Fraktionschef soll übrigens Ásthildur Lóa Þórsdóttir werden. Immerhin dürfte sich die frühere Bildungsministerin mit den Themen der Stunde auskennen.


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