"Kleine Insel, große Geschichten"

Halldór Guðmundsson ist Literaturwissenschaftler, Autor, Verleger und Organisator des isländischen Ehrengastauftritts

auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Gespräch über die Lust am Lesen und das Wandeln zwischen Tradition und Moderne.

  

 

Herr Guðmundsson, Sie leiten den diesjährigen Ehrengastauftritt Islands auf der Frankfurter Buchmesse. Was interessiert Sie an der Literatur so sehr? 

 

Halldór Guðmundsson: Ich war schon sehr früh von der Literatur begeistert. Mein Großvater war Schriftsteller und sprach sehr viel über Bücher mit mir. Als es dann auf die Uni ging, war die Literatur das einzige Studium, das für mich in Frage kam.

 

Was war es genau, was Sie fasziniert hat?

Wie bei allen Kindern, die lesen, war das zunächst einmal das Reich der Fantasie, das sich hier eröffnete. Später ging es dann um viel mehr als das. Literatur ist eine Methode, um die Welt zu verstehen. Gleichzeitig bietet sie so viele Spielmöglichkeiten. Man kann Erfahrungen machen, an denen man selbst nicht unmittelbar beteiligt sein muss.

 

In Island gibt es überproportional viele Leser und Autoren. Gleichzeitig ist die Zahl der Verlage beachtlich. Woher kommt diese Leselust?

Wesentlich scheint mir zu sein, dass die Literatur die einzige wesentliche kulturelle Tradition ist, die wir haben. Man kann diese Tradition bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Als die Isländer 1918 von Dänemark selbständig wurden, hat sich unser Selbstbild sehr stark über die Literatur bestimmt.

 

Man kann also sagen, dass Texte wie die Sagas dazu beigetragen haben, eine eigene Identität herauszubilden?

Ganz klar. Diese Texte haben im Laufe unserer Geschichte den Selbständigkeitsprozess getragen, da man mit ihnen eine tolle frühere Geschichte vorzeigen konnte. Das war sehr wichtig für eine kleine Kolonie wie Island.

 

Was würden Sie als klassische Sujets der isländischen Literatur bezeichnen?

Das ist schwer zu sagen. Alle große Literatur handelt ja eigentlich von wenigen Dingen: von Liebe, Eifersucht, Mord und Totschlag und so weiter. Das findet man schon in den Sagas. Wenn es etwas Spezifisches an der isländischen Literatur gibt, dann ist es die sehr stark erzählerisch orientierte Haltung. Wir hatten nicht diese abstrakt philosophische Tradition, die man von den Deutschen und den Franzosen kennt - eher eine erzählerische und humoristische Haltung.

 

Die Moderne in Europa hat radikal mit der Tradition gebrochen. Es scheint aber auch hier ein Bedürfnis zu geben, sich wieder mehr mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen.

Dieses Bedürfnis ist ganz sicher da. Bei uns in Island wurde es gerade nach dem Zusammenbruch im Zuge der Finanzkrise 2008 direkt spürbar - in der Literatur wie in der Kunst. Man fragte sich: Auf was können wir uns beziehen, auf welche Kunst und welche Sprache, wenn wir - wie sich nun gezeigt hat - nicht die großartigen modernen Banker waren, als die wir uns zuvor verstanden haben?

 

Rückbesinnung auf eigene Traditionen 

 

Diese Rückbesinnung kann natürlich schnell auch in Nationalismus umschlagen, wie man in vielen Ländern Europas zur Zeit erleben muss. In Island scheint dies nicht zu passieren. Woran liegt das?

Sie haben vollkommen recht, was diese Gefahr betrifft. Aber wir sind ein friedliebendes Land ohne Armee. Diese Form des Nationalismus hat nichts expansives an sich. Es geht hier eher um eine kulturelle Rückbesinnung. Wenn wir nicht im globalen Kapitalismus bestehen können, dann fragt man sich - heute wie damals nach der Unabhängigkeit Islands: Wieso sind wir hier?

Was haben wir vorzuzeigen? Was macht uns aus? Unser Slogan „Kleine Insel, große Geschichten“ passt dazu.

 

Wie setzen Sie dieses Motto bei Ihrem Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse um?

Wir versuchen, im Zuge unseres gesamten Auftritts die eben beschriebene Tradition mit der modernen Kunst und Literatur zu verbinden. Wir wollen unter anderem zeigen, dass das Spezielle der isländischen Literatur in der Kontinuität der Sprache liegt. Aufgrund der Isolation des Landes schreiben und verstehen wir noch immer problemlos die Sprache des 13. und 14. Jahrhunderts, und obwohl unsere moderne Literatur nach Brüchen und neuen Einsichten entstanden ist wie überall in der Welt, ist diese Kontinuität etwas sehr eigenartiges.

 

Sprechen wir über den Pavillon auf der Buchmesse. Über die dortige Video- und Bild– installation, welche Isländer in ihren Haus-Bibliotheken zeigt, schreiben Sie: „Wir bringen die Tradition der Heimatbibliotheken nach Frankfurt“. Wie kann man sich das vorstellen?

Unsere Idee war - anders als bisher auf solchen Messeauftritten - auch die „normalen“ Isländer einzuladen. Jeder Isländer kauft pro Jahr im Schnitt acht Bücher. Somit hat fast jedes Heim eine eigene Bibliothek. Das ist eine wichtige Erklärung dafür, warum es in einem solch kleinen Sprachraum ein selbständiges Buch- und Verlagswesen gibt, das nicht andauernd subventioniert werden muss. Nach einem Aufruf im Internet haben wir über 2000 Fotos von Isländern und ihren Heim-Bibliotheken zugesandt bekommen. Viele davon kann man auf Facebook sehen. Von diesen Leuten haben wir 30 ausgewählt und sie besucht. Sie lesen alle ein Stück aus ihrem Lieblingsbuch vor. Zusehen sein wird diese Videoinstallation - oder auch Leseskulptur - in unserem Pavillon auf der Buchmesse in Frankfurt.

 

Worauf sollte ein Besucher auf der Buchmesse noch achten?

Ich würde auf jeden Fall die Ausstellungen in der Schirn Kunsthalle Frankfurt empfehlen. Dazu gibt es verschiedene Musikprogramme im Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt. Bevor Sie also zur Buchmesse anreisen, schauen Sie am besten in den Veranstaltungskalender auf unserer Webseite.

 

Was erhoffen Sie sich vom Ehrengastauftritt in Frankfurt?

Das Verlangen, unser Land und seine Kultur besser kennen zu lernen. Das ist unser Hauptziel. Das Schöne am Auftritt auf der Buchmesse ist, dass die deutschen Verlage so viele Islandtitel herausgeben. Das ist unser größter Erfolg. Denn im Gegensatz zur Messe, die nur fünf Tage lang dauert, werden die Bücher weiterleben, und dieses Weiterleben hängt vom Interesse der Leser ab. Dieses Interesse wollen wir mit unserem Auftritt wecken und stärken. 

  

Dieses Interview ist zuerst im DIG-Newsletter 2/2011 erschienen. 

 


Halldor Guðmundsson

 

geboren 1956 in Reykjavik, ist studierter Literaturwissenschaftler und Autor. Er war Verlagsleiter des größten isländischen Verlags „Mál og menning“ und des nach einer Fusion entstandenen Verlages „JPV, Forlagið“. Als Vorsitzender des Projektvereins „Sagenhaftes Island“ war er Leiter des Ehrengastauftrittes Islands auf der Frankfurter Buchmesse. 2004 wurde er für seine Biographie des Nobelpreisträgers Halldór Laxness mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet. Die Biographie ist 2009 bei btb, München in deutscher Sprache erschienen.

 

 

Island auf der Frankfurter Buchmesse

Sagenhaftes Island

 

Im Rahmen des isländischen Ehrengastauftritts vom 12. bis 16. Oktober 2011 auf der Frankfurter Buchmesse wurden über 30 Autoren sowie ca. 180 deutsche Neuerscheinungen präsentiert. Begleitend zur Buchmesse gab es in zahlreichen Frankfurter Museen Sonderausstellungen mit isländischer Kunst zu entdecken. Zusätzlich widmeten sich Literaturhäuser und Festivals bundesweit der isländischen Literatur.