15.10.2022

Einfluss durch Kooperation

Der Ukraine-Krieg hat für eine Eiszeit in der Arktis-Region gesorgt. Das bekommen vor allem kleine Länder zu spüren, deren Spielraum sich angesichts der gefährlichen Machtspiele der Großen zunehmend verengt. Jetzt rücken Island und Grönland enger zusammen. 

 

Gemeinde Ittoqqortoormiit auf Grönland. Bild von Annie Spratt auf Unsplash.
Wollen enger zusammenrücken: Grönland und Island. © Annie Spratt auf Unsplash.

 

Island und Grönland rücken näher zusammen. Beide Länder unterzeichneten am Rande des Arctic Circle in Reykjavík in dieser Woche ein Kooperationsabkommen, wie das Online-Portal Iceland Review berichtete.

 

Künftig wollen sie bei Forschung und Hochschulbetrieb, Kultur sowie Gleichstellung der Geschlechter zusammenarbeiten. Zudem sei ein Freihandelsabkommen zwischen Island und Grönland geplant.

 

Die Initiative ging laut Iceland Review vom grönländischen Regierungschef Múte Bourup Egede aus. Dieser hatte die engere Zusammenarbeit im Frühjahr vorgeschlagen, als Islands Premierministerin Katrín Jakobsdóttir nach Grönland gereist war – der erste Staatsbesuch seit 25 Jahren.

 

Bereits seit 1985 kooperieren Island und Grönland im Westnordischen Rat, dem auch die Färöer Inseln angehören. Die drei Länder arbeiten unter anderem beim Umgang mit Rohstoffen und beim Umweltschutz zusammen. Das Sekretariat des Rates, in den jedes Land sechs Abgeordnete entsendet, hat seinen Sitz in Reykjavík.

 

Wunsch nach Eigenstaatlichkeit

 

Die jetzt vereinbarte Kooperation kann als weiterer Ausdruck für den Wunsch Grönlands nach Eigenstaatlichkeit gelten. Und wer könnte da ein besserer Bundesgenosse sein als Island, mit dem es die gemeinsame koloniale Vergangenheit teilt.

 

Doch während Island 1944 die vollständige Unabhängigkeit erkämpfte, hat Grönland – wie die Färöer – einen Autonomiestatus, ist aber noch Teil des dänischen Königreichs. Zwar regelt es inzwischen die meisten Aspekte des politischen und wirtschaftlichen Lebens selbst; in der Außen- und Sicherheitspolitik liegen die Kompetenzen aber weiterhin in Kopenhagen.

 

Allerdings muss Grönland in Angelegenheiten, die dem Interesse des Landes unterliegen, angehört werden und kann hierzu mit anderen Nationen Vereinbarungen treffen. So kooperiert Grönland mit dem Nordischen Rat, dem Arktischen Rat, den Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation (WTO) und der Europäischen Union und unterhält Vertretungen in Brüssel, Washington, Peking und Reykjavík.

 

Vorrangiges Ziel der 2021 neu gewählten Regierung unter Múte Bourop Egede ist es, die Wirtschaft zu stärken und die Abhängigkeit von Dänemark weiter zu verringern.

 

Wie Katrín Jakobsdóttir steht Egede für eine neue Generation von Politikern. Der 34-Jährige ist der jüngste Regierungschef Grönlands – ein politischer Senkrechtstarter, der sich wie seine isländische Amtskollegin als Gegenentwurf zu den alten Seilschaften präsentierte und damit vor allem bei jungen Menschen punkten konnte.

 

Beide sind zudem Vorsitzende der links-grünen Partei in ihrem Land, was die Zusammenarbeit ohne Frage ebenfalls erleichtert, teilen sie doch gemeinsame Werte.

 

Und der junge Regierungschef dürfte gerne von Jakobsdóttirs Erfahrungen auf dem internationalen Parkett profitieren.

 

Umworben wie nie: Grönland

 

Denn Grönland, flächenmäßig 50 Mal größer als das dänische Mutterland, ist umworben wie nie. Die USA, Russland und China konkurrieren in der Arktis-Region um Einfluss. Neben den riesigen Rohstoff-Vorkommen ist die strategische Lage der Insel für die Großmächte von zentraler Bedeutung.

 

Viele der rund 56.000 Einwohner:innen in Grönland sind deshalb überzeugt, dass der Weg in die ersehnte Unabhängigkeit über den Abbau der Rohstoffe führt. Denn ausländische Investitionen braucht es, um den Traum von der Eigenständigkeit zu erfüllen.

 

Derzeit kann sich Grönland die Unabhängigkeit schlicht nicht leisten. Mit der sog. Blocksubvention aus Kopenhagen von jährlich fast 500 Millionen Euro wird nahezu die Hälfte der öffentlichen Ausgaben bestritten. Die Einnahmen aus Fischfang und Tourismus können das nicht ausgleichen.

 

Allein die Förderung von Rohstoffvorkommen könnte den Wegfall der dänischen Zahlungen kompensieren – verfügt die Insel doch nicht nur über Erze sowie Gas- und Ölvorkommen, sondern könnte auch die globale Nachfrage nach Seltenen Erden für die nächsten 150 Jahre decken.

 

Kleine Partner im Konzert der Großen

 

Die Regierung ist gewillt, die sich bietenden Spielräume zu nutzen. Doch die neue Selbständigkeit birgt auch die Gefahr, von den Großen über den Tisch gezogen zu werden. Die Zusammenarbeit mit Island ist daher ein Weg, Eigenständigkeit zu demonstrieren und im Konzert der Großen nicht unterzugehen.

 

Auch Island legt großen Wert auf seine Unabhängigkeit und ist deshalb bis heute kein Mitglied der Europäischen Union. Beide Länder sind in hohem Maße von ihren natürlichen Ressourcen abhängig und schotten daher auch ihre Fischgründe gegenüber der ausländischen Konkurrenz ab. Dazu passt, dass die Regierungen ein gemeinsames Freihandelsabkommen anstreben.   

 

Weiterer Anknüpfungspunkt: Mit einer Strategie des Grünen Wachstums will Grönland nachhaltige Wirtschaftszweige entwickeln. Island wiederum macht sich im Jahr 2014 gegründeten Arktischen Wirtschaftsrat dafür stark, die Blue Economy zu fördern, und in seiner Arktis-Resolution von 2011 hat es die nachhaltige Ressourcennutzung zum nationalen Schwerpunkt erklärt.

 

Der Ukraine-Krieg hat auch in der Arktis-Region für eine neue Eiszeit gesorgt und engt vor allem die Spielräume der kleinen Länder weiter ein. Die jetzt vereinbarte Kooperation dürfte daher auch der Versuch sein, sich den neuen weltpolitischen Realitäten anzupassen.

 

Island Premierministerin Katrín Jakobsdóttir, die ihre Rede anlässlich der Kooperationsvereinbarung auf grönländisch und dänisch hielt, sprach denn auch von einem „bemerkenswerten Schritt in der Zusammenarbeit zwischen Island und Grönland, diese vertraglich festzulegen“.

 

 

Text: Nicole Maschler


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