12.02.2026
Die sog. Grönland-Krise bereitet auch Island große Sorgen. Angesichts geopolitischer Verwerfungen in der Arktis-Region hat der Inselstaat seine Sicherheitspolitik neu ausgerichtet und setzt verstärkt auf strategische Partnerschaften und das Nato-Bündnis.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hatte Donald Trump klar gemacht, was er will: Grönland – "einschließlich Recht, Besitztitel und Eigentum".
Da mutete es wie ein schlechter Witz an, dass der US-Präsident die größte Insel der Welt wiederholt mit Island verwechselte. Doch was wie bloßes Getöse klingt, sorgte in Island für Alarmstimmung:
Angesichts der mehrfach geäußerten Besitzansprüche und der rhetorischen Ausfälle in Richtung Nuuk ist die Sorge vor einem Dominoeffekt groß, sollte Dänemark im Streit um Grönland nachgeben.
Aus Sicht von Präsident Trump ist das strategisch wichtige, rohstoffreiche Eiland für die USA sicherheitspolitisch unverzichtbar.
Das rabiate Vorgehen der einstigen Schutzmacht hat nicht nur Island auf den Plan gerufen: Dänemark hat im Januar 2026 seine Truppen auf Grönland aufgestockt, und auch die Nato verstärkt derzeit ihre Präsenz in der Arktis.
Trotz des Säbelrasselns begannen am 28. Januar 2026 trilaterale Konsultationen zwischen Dänemark, Grönland und den USA, um eine diplomatische Lösung zu finden.
In der zunehmend unübersichtlichen geopolitischen Gemengelage sucht Island den engen Schulterschluss mit anderen Akteuren in der Region, um die territorialen Begehrlichkeiten abzuwehren – allen voran Grönland und Dänemark.
Arktische Solidarität
In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis zwischen Island und Grönland von einer rein nachbarschaftlichen Beziehung zu einer strategischen Partnerschaft entwickelt.
Es gibt Bestrebungen, die bilateralen Handelsbeziehungen zu vertiefen, um insbesondere die Abhängigkeit von US-Investitionen zu verringern.
Im Oktober 2022 unterzeichneten beide Länder eine Kooperationserklärung; eine Arbeitsgruppe prüft derzeit ein umfassendes Freihandelsabkommen. Schon jetzt werden über die Joint Icelandic-Greenlandic Fisheries Commission die Quoten für gemeinsam genutzte Bestände wie Rotbarsch und Heilbutt gesteuert.
Auch die Zusammenarbeit in Bildung und Forschung soll ausgebaut werden, etwa im Bereich Klimaschutz.
Seit dem Einbruch der Beziehungen zu Russland ist der Arktische Rat als wichtigstes zwischenstaatliches Forum blockiert. So nimmt Moskau derzeit nur an technischen Sitzungen teil (z.B. zu Themen wie Notfallprävention).
Island und Grönland koordinieren sich nun enger mit den anderen fünf westlichen Anrainerstaaten (Arctic 7) und konzentrieren sich auf projektbasierte Arbeit, etwa zu Klima und Biodiversität – nicht zuletzt um zu verhindern, dass Russland alternative Strukturen (etwa mit Indien oder China) aufbaut.
Als Land ohne eigenes Militär ist Island traditionell stark auf funktionierende multilaterale Foren angewiesen.
Islands Sicherheit neu definieren
Die veränderte weltpolitische Konstellation berührt daher den Kern des nationalen Selbstverständnisses. Island hat darauf mit einer Neuausrichtung seiner Sicherheitspolitik reagiert.
Im November 2025 hat Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir die erste Nationale Verteidigungsstrategie vorgelegt – eine historische Zäsur für den Inselstaat.
Die Regierung will künftig 1,5 Prozent des isländischen Bruttoinlandsproduktes für verteidigungsbezogene Aufgaben ausgeben und hat in der Strategie 13 Schlüsselprioritäten definiert, darunter den Schutz kritischer Infrastruktur (Unterseekabel) und die Verstärkung der maritimen Überwachung.
Bei allen Differenzen im Detail besteht Einigkeit, dass Island künftig eine aktivere Rolle spielen muss, will es sich weiterhin Gehör verschaffen.
Die Schwächung des Arktischen Rates zwingt Island auch dazu, seine Sicherheit verstärkt über bilaterale Abkommen (etwa mit Deutschland) und im Nato-Rahmen zu definieren.
So vereinbarten Deutschland und Island im Oktober, dass die deutsche Marine künftig verstärkt isländische Häfen und den Stützpunkt Keflavík für ihre neuen Seefernaufklärer vom Typ P-8A Poseidon nutzt.
Mit Großbritannien soll KI-Technologie zum Einsatz kommen, um feindliche Aktivitäten in der Arktis zu überwachen, und auch mit Finnland will der Inselstaat künftig stärker im Bereich Verteidigungstechnologie zusammenarbeiten.
Die regelmäßige Überwachung des isländischen Luftraums durch Kampfjets wechselnder Nato-Partner wurde intensiviert, und im Rahmen der Nato-Initiative zum Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur koordiniert Island die Überwachung der Datenkabel, die für die Verbindung zwischen Europa und Nordamerika essenziell sind.
Kooperation mit der EU
Die Grönland-Krise hat zudem eine Debatte wiederbelebt, die längst als beendet galt: die Mitgliedschaft Islands in der Europäischen Union.
Bis spätestens 2027 will die Regierung von Premierministerin Kristrún Frostadóttir ein Referendum über neue Beitrittsverhandlungen durchführen. Nach Jahren der ostentativen Distanz gibt es in Meinungsumfragen mittlerweile eine deutliche Mehrheit für eine Mitgliedschaft.
Da Island wirtschaftlich stark vom Export (Fisch, Aluminium) und Tourismus abhängig ist, wächst der Wunsch, sich mit Hilfe der EU gegen den handelspolitischen Druck der USA zu wehren.
Lange Zeit fühlten sich die Menschen in Island sicher, nicht zuletzt durch die abgeschiedene Lage im Nordatlantik.
Doch die Welt befindet sich im Wandel, der auch vor Island nicht Halt macht. Der kleine Inselstaat hat die Signale gehört.
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