09.07.2021

Island setzt auf die Vier-Tage-Woche

In der isländischen Hauptstadt Reykjavík haben Beschäftigte von Stadtverwaltung und Regierung für die Dauer von fünf Jahren kürzer gearbeitet - bei vollem Lohn. Das Ergebnis des weltweit größten Arbeitszeit-Experimentes dürfte auch Islands Arbeitgeber überzeugen. 

 

Bild von Annie Spratt auf Unsplash.
Bild von Annie Spratt auf Unsplash.

 

Kurze Woche, lange geprüft: Fünf Jahre hat Island getestet, wie sich eine verkürzte Arbeitszeit auswirkt. Das Ergebnis: Alle Beschäftigten waren zufriedener, gesünder und produktiver.

 

Von 2015 bis 2019 hatten Beschäftigte im öffentlichen Dienst ihre Arbeit auf 35 bzw. 36 Stunden pro Woche reduziert – und dafür den vollen Lohn erhalten. Jetzt liegen die Ergebnisse des weltweit größten Arbeitszeit-Experimentes vor.

 

Die Studie sei ein „bahnbrechender Beweis“ dafür, dass kürzere Arbeitszeiten die Effizienz erhöhen, zitierte die US-Tageszeitung Washington Post den Studienleiter Will Stronge von der britischen Denkfabrik Autonomy.

 

Sie hatte die Feldversuche gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation Alda (Association for Sustainable Democracy) sowie isländischen Gewerkschaften durchgeführt.

  • An den beiden Langzeitstudien hatten insgesamt rund 3.000 Beschäftigte aus städtischen Behörden in Reykjavík sowie von Regierungsstellen teilgenommen. Für Island ist das eine beachtliche Zahl – in dem kleinen Inselstaat gibt es insgesamt 200.000 Erwerbstätige.
  • Besonders bemerkenswert: Beschäftigte aus mehr als 100 verschiedenen Arbeitsstätten nahmen teil – Büroangestellte ebenso wie Polizeibeamte, Kita-Personal oder Pflegekräfte.

Die Studie ist daher besonders aussagekräftig.

 

Produktiver ohne Sitzungen und überflüssige Aufgaben

 

Die Ergebnisse sind bemerkenswert:  

  • Weil Meetings verkürzt, Schichten neu organisiert und überflüssige Aufgaben ersatzlos gestrichen wurden, blieb den Beschäftigten mehr Zeit für Hobbys, Haushalt und Familie.
  • Sie litten daher auch seltener unter Stress oder Burnout-Erkrankungen.
  • Was hingegen anstieg, war die Produktivität der Arbeitskräfte. So profitierten am Ende auch die Arbeitgeber.

Nach dem Abschluss der Testphase setzten sich Gewerkschaften und Verbände denn auch an den Verhandlungstisch – und verständigten sich auf neue Arbeitszeitmodelle.

 

„Aktuell haben 86 Prozent der Arbeitnehmer in Island nun kürzere Arbeitszeiten oder zumindest die Möglichkeit dazu“, zitiert die Zeit online den Politikwissenschaftler Jack Kellam, der das Experiment ausgewertet hat.

 

In Island wünschen sich viele eine bessere Work-Life-Balance – arbeiten die Beschäftigten hier doch überdurchschnittlich viel.

  • Laut der Industrieländer-Organisation OECD gehört Islands Wochenarbeitszeit weltweit zu den höchsten.
  • Das Erwerbsleben dauert im europäischen Vergleich am längsten (47 Jahre).

Nach Einschätzung von Studienleiter Stronge ist selbst dann nicht mit höheren Arbeitskosten zu rechnen, wenn neue Kräfte eingestellt werden müssen – der Einkommensteuer sei Dank.

 

Die Regierung will nun prüfen, wie sich eine 30-Stunden-Woche auf die Gesundheit und die Produktivität der Beschäftigten auswirkt. Na dann frohes Schaffen. 


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