08.03.2021

Eine lohnenswerte Arbeit

Anlässlich des Internationalen Frauentages veranstalten die Nordischen Botschaften in Berlin den Themenmonat "Gleichstellung im Norden". Wir werfen einen Blick nach Island, das per Gesetz für faire Bezahlung am Arbeitsplatz sorgen will: 

 

Bild von Karolina Grabowska auf Pixabay.
Bild von Karolina Grabowska auf Pixabay.

 

Island ist das erste Land der Welt, das ungleiche Bezahlung zwischen Frauen und Männern per Gesetz verbietet. Seit Anfang 2018 müssen Unternehmen mit mehr als 25 Beschäftigten nachweisen, dass sie gerecht bezahlen. Faire Arbeitgeber werden belohnt - mit Jafnlaunavottun, dem Zertifikat über die Lohngleichheit. Wer durchfällt, für den wird es teuer: Zu dem Bußgeld von 385 Euro pro Tag kommt der Imageschaden, denn die Liste wird veröffentlicht. 

 

Ins Parlament eingebracht hatte das Gesetz ein Mann: Islands damaliger Minister für Soziales und Gleichberechtigung, Þorsteinn Víglundsson - zuvor Generaldirektor des Isländischen Arbeitgeberverbandes. Es sei "der richtige Zeitpunkt, um etwas Radikales in dieser Angelegenheit zu unternehmen", begründete er im Frühjahr 2017 den Schritt. Vorausgegangen waren mehrere Regierungskrisen, zwei Neuwahlen und einige Parteineugründungen - der richtige Zeitpunkt für Veränderungen.

 

Doch Gleichstellung gelingt nicht von heute auf morgen. Vier Jahre lang haben Fachleute und Firmen seit 2013 

in einem gemeinsamen Pilotprojekt getüftelt, wie sich Lohn(un)gleichheit feststellen lässt. Jeder Tätigkeit wurde ein Wert beigemessen - und zwar nicht nur einfachen Arbeiten, sondern auch Aufgaben in höheren Gehaltsstufen und im Management. Heraus kam der Equal Pay Standard, auf dessen Basis unabhängige Prüfstellen nun die Löhne kontrollieren.  

 

Zuerst kamen die großen Firmen an die Reihe; Betriebe mit bis zu 25 Beschäftigten bleibt noch bis zu diesem Jahr Zeit, um für faire Löhne zu sorgen. Der isländische Zoll gehörte zu den ersten, die das neue Gesetz umgesetzt haben. Von rund 250 Beschäftigten, berichtet der Deutschlandfunk, erhielten am Ende zehn einen höheren Lohn - neun Frauen und ein Mann.

 

Lohnlücke besteht fort

 

Mit dem Gesetz will die Regierung nicht nur die Lohnlücke, sondern auch alle Schlupflöcher schließen. Denn eigentlich sind unterschiedliche Entgelte in Island längst verboten. Doch auch wenn das Weltwirtschaftsforum Island Jahr für Jahr zum Weltmeister in Sachen faire Bezahlung kürt: Verschwunden ist die Verdienstlücke auch in Island nicht. Selbst wenn Faktoren wie Kindererziehungszeiten, Teilzeitarbeit und die Tätigkeit in Frauenberufen berücksichtigt werden, beträgt der Unterschied noch immer knapp 14% (9,6% im öffentlichen Dienst). 

 

Das liege eben an der Art der Arbeit, argumentierten bislang viele Unternehmen. Gerade in Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten wie im Erziehungswesen, werden niedrigere Löhne gezahlt.

 

Doch damit soll Schluss sein: Künftig gilt das Prinzip "gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit". Will heißen: Eine Kindergärtnerin darf nicht weniger verdienen als ein Fahrer, der bei der gleichen Gemeinde angestellt ist und mit dem Lkw Sand für den Spielplatz bringt. Indem auch die Dauer der Ausbildung und die Qualifikation vergleichen werden, sollen Frauenberufe aufgewertet werden.

 

Nicht bei allen kam das Gesetz gut an:  zu viel Bürokratie, hohe Kosten und unerwünschte "Aufpasser" im eigenen Haus. Im Übrigen, meinten Kritiker:innen, gebe es bereits genügend Gesetze für Gleichberechtigung. Ein Argument, das Regierungschefin Katrín Jakobsdóttir nicht gelten lässt: "Wir warten seit 1961 darauf, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen geschlossen wird. Seither steht es im Gesetzt. Passiert ist aber nichts."

 

Schulfach Gleichberechtigung

 

Dass ein Gesetz allein noch keine Gleichberechtigung bringt, weiß auch die Regierung. Deshalb steht das Thema in Islands Schulen auf dem Stundenplan. Und ein wichtiges Datum kennt jedes Kind: den 24.10.1975 - der Tag, an dem in Island die Frauen streikten. 90% der Isländerinnen beteiligten sich an dem landesweiten Protest, beinahe 25.000 Frauen gingen auf die Straße, um für gerechte Löhne zu demonstrieren. Damals betrugt die Lohnlücke 40%.

 

Jedes Jahr am 24. Oktober verlassen Frauen seither früher ihren Arbeitsplatz - zu dem Zeitpunkt, ab dem sie wegen der Lohnlücke umsonst arbeiten. Die Regierung um Premierministerin Jakobsdóttir hat ehrgeizige Ziele: Sie will den Gender Pay Gap auf null senken. Bis es soweit ist, werden Frauen wohl auch in Zukunft noch manches Mal früher in den Feierabend gehen. 

 

Text: Nicole Maschler

 

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