12.02.2026
Seit mehr als 45 Jahren koordiniert das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven die deutsche Polarforschung. Doch mit dem dramatischen Klimawandel und den geopolitischen Verwerfungen in der Arktis steht auch das AWI vor neuen Herausforderungen.

„Ich bin dann mal weg“, hieß es 2025 für die Chefin des Alfred-Wegener-Institutes in Bremerhaven. Im Frühjahr ist die bisherige AWI-Direktorin Antje Boetius nach sieben Jahren an der Spitze der größten deutschen Forschungseinrichtung für Polar- und Meeresforschung in die USA gewechselt.
Als Präsidentin des Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) in Kalifornien wird die ausgewiesene Tiefseebiologin künftig einem der renommiertesten Institute für Ozeanforschung und marine Technologien weltweit vorstehen.
Die Leitung des AWI hat derweil Professor Maarten Boersma übernommen – freilich nur kommissarisch, also auf Zeit. Der Biologie, Leiter der Sektion Ökologie der Küsten sowie der AWI-Standorte Sylt und Helgoland, erforscht seit mehr als 20 Jahren die Auswirkungen des Klimawandels auf die Küstenregionen und gehört dem wissenschaftlichen Direktorium seit 2024 an.
Herausforderungen gibt es auch für den Übergangschef viele – ist doch die Polar- und Meeresforschung das Thema der Stunde. Der Klimawandel hat dramatische Folgen insbesondere für die Arktis, und mit den geostrategischen Veränderungen steht die Nordpolregion zunehmend auch im politischen Scheinwerferlicht.
Das bekommen vor allem Arktis-Anrainer wie Island und Grönland zu spüren, deren geografische Lage sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert hat.
Geopolitischer Brennpunkt Arktis
Lange Zeit eine entlegene Randzone, ist der hohe Norden heute ein Brennpunkt globaler Machtverschiebungen: Während die USA, Russland und China um Einfluss in der Region ringen, die reich an Bodenschätzen und überdies von entscheidender militärischer Bedeutung ist, verstärken auch Nato und Europäische Union ihre Präsenz am nördlichen Polarkreis.
Für das AWI, das seit 45 Jahren die deutsche Polarforschung koordiniert, hat das Folgen. Künftig dürfte die Arbeit schwieriger werden, politische Spannungen machen auch vor internationalen Forschungsprojekten nicht Halt. So ist der Zugang zu Daten aus dem russischen Teil der Arktis nur noch eingeschränkt möglich.
Als Direktorin verstand es Antje Boetius mit ihrer Expertise, öffentlichkeitswirksamen Auftritten und nicht zuletzt durch die wegweisende Mosaic-Expedition – die bislang größte Arktis-Mission in der Institutsgeschichte – die Forschungseinrichtung weit über die Grenzen Bremerhavens und Bremens hinaus als Marke zu etablieren, allen anfänglichen Unkenrufen zum Trotz.
Im Oktober 2022 gab es als Belohnung in Reykjavík den Arctic Circle Prize aus den Händen des früheren isländischen Präsidenten Ólafur Ragnar Grímsson.
Bescheidene Anfänge des AWI
Dabei waren die Anfänge bescheiden, als das Institut 1980 seinen Sitz in Bremerhaven nahm. Nach einem Machtwort von Kanzler Helmut Schmidt hatte die Seestadt den Zuschlag erhalten und Konkurrent Kiel das Nachsehen.
Die ersten Räume des AWI zwischen Seniorentreff und Kaufhaus im Columbus-Center kamen gleichwohl eher provisorisch daher. Erst 1986 wurde am Alten Hafen das erste eigene AWI-Gebäude eingeweiht.
Heute beschäftigt das Forschungsinstitut mehr als 1.000 Mitarbeitende – und hat neben dem Hauptsitz in Bremerhaven weitere Standorte in Potsdam, auf Sylt, Helgoland und in Oldenburg, wo es mit der dortigen Universität kooperiert.
Das AWI ist eine Stiftung öffentlichen Rechts und wird zu 90 Prozent vom Bund finanziert; der Rest verteilt sich auf das Sitzland Bremen sowie die Bundesländer Schleswig-Holstein und Brandenburg.
In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich das Institut zum Kompetenzzentrum der Polar- und Meeresforschung entwickelt. Neben der Erkundung der Polarregionen und deren geologischem Aufbau bestimmen Klimaforschung, Meeresbiologie und Meeresgeologie das wissenschaftliche Profil.
Keine Frage, dass Island ein Schlüsselpartner für arktische Beobachtungen ist – gilt es doch als Tor zum Nordpol. Reykjavik dient dem AWI als wichtiger Logistikknotenpunkt und als politisches Forum für die Arktisforschung.
So nutzt der Forschungseisbrecher Polarstern den Hafen der isländischen Hauptstadt als strategisch wichtigen Hub für den Austausch von Forschungsteams, die Anlieferung von Ausrüstung und als Ausgangs- oder Endpunkt für Arktis-Expeditionen in die Framstraße – dem wichtigsten Zugang zur zentralen Arktis.
Zudem arbeitet das Bremerhavener Institut nicht nur mit dem Forschungszentrum RANNIS (Icelandic Centre for Research) zusammen, das den isländischen Forschungsfonds verwaltet und Arktisforschung mit internationaler Beteiligung wie dem AWI unterstützt, sondern auch mit zahlreichen weiteren Akteuren in Reykjavík.
Zu nennen ist etwa das ALONGate-Projekt (A Longterm Observatory of the North Atlantic Gateway to the Arctic Ocean), das darauf abzielt, Datenlücken in der Meerespassage zwischen Island und der AWI-Hausgarten-Station im Arktischen Ozean (einem Langzeitobservatorium in der Framstraße) zu schließen, indem der Meeresboden in 5.500 Metern Tiefe fotografiert und kartiert wird und Proben entnommen werden.
Das Deutsche Arktisbüro ist die Informations- und Kooperationsplattform für Arktis-Akteure aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Mehr
Zum wichtigen Standbein in Sachen Arktis hat sich insbesondere die 1992 gegründete AWI-Forschungsstelle Potsdam entwickelt: Hier wird unter anderem die Atmosphäre in den Polargebieten untersucht.
In Potsdam ist auch das Deutsche Arktisbüro angesiedelt, das Anlaufstelle für Bundesministerien, Behörden und die deutsche Wirtschaft ist, die Bundesregierung berät und so dazu beiträgt, Deutschlands Beteiligung als Nicht-Anrainer-Staat an den wissenschaftlichen Aktivitäten des Arktischen Rats zu stärken – des einzigen zwischenstaatlichen Gremiums, das sich ausschließlich mit der sensiblen Polarregion beschäftigt.
So organisiert das Deutsche Arktisbüro regelmäßig den Arktisdialog mit Teilnehmenden aus Politik und Wissenschaft und ist bei der Arctic Circle Assembly in Reykjavík vertreten, einer der weltweit größten Konferenzen zu arktischen Angelegenheiten.
Klar, dass der Leiter des Deutschen Arktisbüros, Dr. Volker Rachold, im September 2025 beim Jubiläum der Deutsch-Isländischen Gesellschaft im Land Bremen (DIG) auf dem hochkarätig besetzten Podium Island zwischen Arktis und EU im Historischen Museum Bremerhaven mitwirkte.
Polar Experience
Die immersive Ausstellung über die Arktis und Antarktis
Partner: AWI Bremerhaven, Klimahaus Bremerhaven
06.12.2025 bis 06.04.2026
Arena Berlin
Eichenstraße 4 | 12435 Berlin
Und das AWI beschreitet neue Wege: Noch bis zum April 2026 macht in Berlin die Ausstellung Polar Experience Station, eine interaktive Entdeckungsreise zu Arktis und Antarktis mit eindrucksvollen Multimedia-Bildern und den neuesten Forschungserkenntnissen.
Eine gute Gelegenheit für die Bremerhavener Fachleute, das Thema publikumswirksam zu präsentierten und insbesondere Kinder und Jugendliche zu erreichen. Denn die Arktisregion ist der Schlüssel, um das Klimageschehen in Europa zu verstehen.
Für die kommenden Jahre hat sich das AWI ehrgeizige Ziele gesetzt.
Noch im Frühjahr soll die Institutsspitze wieder dauerhaft besetzt sein. Ein neuer Direktor ist bereits gefunden: Im März tritt der Prof. Dr. Hajo Eicken das Amt an; der Glaziologe hat zuletzt das International Arctic Research Center der Universität von Alaska (UAF) in Fairbanks geleitet, die dem Netzwerk University of the Arctic (UArctic) von Universitäten und Instituten im Nordpolargebiet angehört.
Maarten Boersma hat sich übrigens nicht auf die Stelle beworben; er will lieber wieder forschen.
Auf die Expertinnen und Experten des AWI warten in den nächsten Jahren große Aufgaben: Die Einrichtung soll ihre herausragende Rolle als führendes Institut der Polar- und Meeresforschung weiter ausbauen; ein nagelneues Forschungsschiff wird es dafür geben, die Polarstern II. 2030 soll das Schiff fertig sein.
Und dazu gehört auch, für den Auftrag und die Projekte des AWI in der Öffentlichkeit zu werben.
Da fügt es sich gut, dass Ex-Direktorin Antje Boetius nicht ganz weg ist. Als Kooperationsprofessorin wird sie dem Haus erhalten bleiben.
Das AWI – so viel steht fest – setzt den Kurs auf Zukunft.
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