Eine besondere Weihnachtsdelikatesse

Am Tag vor Heiligabend kommt in Island „kæst skata" auf den Tisch – Gammelrochen, serviert mit Milch und Kartoffeln. Für Isländerinnen und Isländer ein kulinarischer Klassiker – für alle anderen ein Angriff auf die Geruchs- und Geschmacksnerven.

Darf hier nicht fehlen: Milch.  Bild von Tessa Robbins auf Pixabay.
Darf hier nicht fehlen: Milch. Bild von Tessa Robbins auf Pixabay.

 

21.12.2020 

 

Island ist berühmt für seine Gletscher und Geysire, für Nordlichter und Vulkane. Weniger bekannt ist die Insel im hohen Norden für ihre Küche. Dafür mag es Gründe geben, dürfte manch einem angesichts dieser Weihnachtstradition durch den Kopf gehen:

 

Am Tag vor Heiligabend kommt von Reykjavík bis Seyðisfjörður „kæst skata" auf den Tisch; was harmlos klingt, entpuppt sich als höchst fragwürdiger Leckerbissen: fermentierter Rochen - auf dem europäischen Festland auch als Gammelrochen geschmäht. 

 

Weil der Knorpelfisch seinen Harn nicht ausscheidet, sondern im Körper ablagert, ist er für den Menschen höchst unverdaulich. Mindestens vier Wochen lang muss der hingeschiedene Rochen, nun ja, reifen, bevor die Giftstoffe entweichen – und die Überbleibsel essbar sind.

 

Von „genießbar“ wagt man in diesem Zusammenhang kaum zu sprechen. Eher ist man geneigt, dem „Spiegel“ zu folgen: Mit dem wunderlichen Mahl am Tag vor Heiligabend nähmen die Isländer „die Leiden Jesu“ vorweg.

 

Das Magazin aus Hamburg hat auch sogleich eine einleuchtende Erklärung für die eigentümliche Tradition der Nordländer parat: „Irgendwann in Zeiten der Hungersnot muss ein Isländer mit der Todesverachtung eines Wikingers herausgefunden haben, dass man Rochen doch essen kann, wenn man ihn nur lange genug rotten lässt.“

 

Allein: Nach einem Monat ist der Fisch zwar nicht mehr giftig – stinkt aber immer noch zum Himmel.

 

Feiertagsmenü mit Tücken

 

Wer nun glaubt, es handele sich um ein Klischee, eine Legende oder gar eine Schauergeschichte und selbst die Nachfahren der Wikinger hätten zwischenzeitlich mitteleuropäische Essgewohnheiten angenommen, der wird durch folgende Zahlen eines Besseren belehrt:

 

Nach einer Umfrage von Market and Media Research (MMR) verzehren 37% der Isländerinnen und Isländer zu Weihnachten stinkenden Rochen – serviert mit (traditionell gekochten) Kartoffeln. Eine Zahl allerdings – wie die oben stehende dem "Fischmagazin entnommen – lässt aufhorchen: 2012 waren es noch 40%, die sich der absonderlichen Gaumenfreude hingaben.

 

Es ist vor allem die ältere Generation, bei der sich der Weihnachtsklassiker weiterhin großer Beliebtheit erfreut: 58% der Über-68-Jährigen können sich für den Gammelfisch erwärmen. Bei den Jüngeren greifen hingegen nur noch 21% beherzt zu.

 

Dabei ist die Zubereitung des Feiertagsmenüs kinderleicht. Dem halbverwesten Rochen wird die warzige Haut abgezogen, das Fleisch in Salzwasser weichgekocht und mit Schafsfett verrührt.

 

Der isländische Hauseigentümerverband hat laut „Fischmagazin“ allerdings davon abgeraten, das tote Tier zuhause zu kochen: Das sei ein Anschlag auf die Geschmacksnerven. Und für besonders Hartgesottene folgte noch der Warnhinweis: „Es ist kein Nahrungsmittel, sondern wird per definitionem als Abfall eingestuft“.

 

Liebhaber des Gammelrochens können die Spezialität normalerweise in zahlreichen Restaurants genießen. Jedoch: In Corona-Zeiten bleiben die Läden wohl geschlossen. Während es andernorts nach Zimt und Lebkuchen duftet, dürfte daher durch die Straßen von Reykjavík bis Seyðisfjörður dieser Tage wieder ein stechender Geruch ziehen.

 

Zum gammeligen Fisch wird in Island übrigens nicht etwa Schnaps gereicht, sondern Milch. Möglicherweise, wie „Der Spiegel“ mutmaßt, um den Magen zu stabilisieren. Na dann: Wohl bekomm´s und fröhliche Weihnachten!