Islands düstere Seiten

In der soeben auf Deutsch erschienen Hulda-Trilogie folgt Krimiautor Ragnar Jónasson seiner eigenwilligen Kommissarin durch ein melancholisch-düsteres Island. Ein spannendes Leseerlebnis mit überraschenden Wendungen. 

Preisgekrönte Spannung: Ragnar Jónassons Hulda-Trilogie. Bild von DIG.
Preisgekrönte Spannung: Ragnar Jónassons Hulda-Trilogie. Bild von DIG.

 

23.09.2020

 

Eine junge Asylbewerberin aus Russland liegt tot in einer Bucht. War es Selbstmord oder ein Unfall? Bald wird der Fall zu den Akten gelegt. Doch als Hulda Hermannsdóttir Nachforschungen anstellt, stößt sie auf Ungereimtheiten. Und kommt bei der Suche nach der Wahrheit dem Täter gefährlich nahe.

 

Der btb-Verlag hat Ragnar Jónassons Erfolgs-Trilogie über die isländische Kommissarin Hulda in diesem Jahr in kurzer Folge auf Deutsch veröffentlicht. „Dunkel“ (April 2020), „Insel“ (Juli 2020) und „Nebel“ (September 2020) erzählen die Geschichte vom Ende her. Im ersten Band löst die eigensinnige Ermittlerin, die kurz vor der Pensionierung steht, ihren letzten Fall.

 

Hulda Hermannsdóttir ist keine entschlossene Kämpferin für die gute Sache, sondern eine in die Jahre gekommene Polizeibeamtin, die mit sich und dem Leben hadert. Nach dem Tod von Mann und Tochter hat sie sich zurückgezogen, ist wortkarg und verschlossen. Sie hat keine Freunde, kaum Hobbys, und im Kollegenkreis gilt sie als Eigenbrötlerin. Und so löst sie ihre Fälle, wie sie es gewohnt ist: auf sich gestellt, eigenwillig, allein ihrer Intuition folgend.

 

Um den Tod der jungen Russin aufzuklären, bleiben Hulda nur wenige Tage. Dann muss sie ihr Büro räumen; ihr Chef will sie in den vorzeitigen Ruhestand verabschieden. Fast schon verbissen macht sie sich an die Arbeit, folgt jeder noch so winzigen Spur. Hulda ist keine Heldin, die es einem leicht macht. Als Leser*in schwankt man zwischen Sympathie, Mitleid und Abneigung. Und doch folgt man der Ermittlerin gebannt. Denn sie ist erfahren, couragiert und beharrlich. Was sie antreibt, ist der Gedanke an die Opfer, denen Gerechtigkeit widerfahren soll.

 

So findet Hulda heraus, dass sich die Tote in der Asylunterkunft mit einer anderen Russin angefreundet hatte, die nun ebenfalls verschwunden ist, und offenbar auch Kontakt zu einem Unbekannten hatte. Als sie einen erfolgreichen Geschäftsmann aufsucht, der in Zwangsprostitution verwickelt sein soll, kommt Hulda den Kollegen vom Sittendezernat in die Quere und muss den Fall vorzeitig abgeben. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weiter zu ermitteln.

 

Gesellschaftskritik und Naturgewalten

 

Ragnar Jónasson greift in seinen Büchern aktuelle gesellschaftspolitische Themen auf, ohne dass diese in den Vordergrund drängen: die trostlose Situation der Asylbewerber, die in der Unterkunft auf eine Entscheidung der Behörden warten; der Verdächtige, der vor einigen Jahren seine Arbeit verloren hat und sich nun von Job zu Job hangelt; die Kommissarin, die in der Bankenkrise ihr Geld verloren hat und jetzt mit ihrem bescheidenen Beamtengehalt mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Jónasson, der in der isländischen Hauptstadt als Investmentbanker arbeitet und Rechtswissenschaften an der Universität Reykjavík lehrt, zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die beinahe so trist zu sein scheint wie das Wetter.

 

Überhaupt, die Natur. Sie ist in Jónassons Romanen mehr als nur Staffage. Das knirschende Eis und die glatten Felsen, auf denen der Mörder die junge Frau in „Dunkel“ vor sich hertreibt; die steilen Klippen inmitten der unruhigen See, die dem Absturzopfer im zweiten Band „Insel“ zum Verhängnis werden; die gewaltigen Schneemassen, die einen abgelegenen Bauernhof im dritten Buch „Nebel“ zur tödlichen Falle werden lassen – in der kargen isländischen Landschaft spiegelt sich die Düsternis, die Täter und Opfer mit der Ermittlerin verbindet. Die glücklichen Familien, die in großzügigen Vorstadthäusern am Meer leben, erfolgreich im Beruf und im Privaten, beobachtet Hulda nur aus der Ferne. Mit ihrem eigenen Leben und dem der Toten und ihrer Mörder haben sie nichts zu tun.

 

Preisgekrönte Spannung 

 

Ragnar Jónasson ist Mitglied der britischen Crime Writer`s Association und Mitbegründer des „Iceland Noir“, des Reykjavík International Crime Writing Festivals. Der Autor weiß, wie er Spannung erzeugen kann. Nicht umsonst hat es „Insel“ auf die „Times“-Liste der 100 besten Krimis und Thriller seit 1945 geschafft – eine Auszeichnung, die mehr noch der dritte Band „Nebel“ verdient hätte, der „beinahe unerträglich spannend“ ist, wie Bestseller-Kollege Ian Rankin zurecht urteilt.

 

Jónasson erzählt seine Geschichten aus verschiedenen Perspektiven. So folgt er in „Dunkel“ vorübergehend Täter und Opfer und schildert im dritten Band "Nebel" das Geschehen über weite Strecken aus Sicht der Bäuerin, vor deren Tür am Weihnachtstag ein Fremder auftaucht, den ihr Mann allzu arglos ins Haus lässt. Die häufigen Perspektivwechsel verleihen der Handlung Spannung, ebenso wie die unterschiedlichen Zeitebenen.

 

In Rückblicken wird so nach und nach auch Huldas Familiengeschichte aufgerollt. Im ersten Band erfährt man von der komplizierten Beziehung zu ihrer Mutter, die sie als Alleinerziehende einst ins Kinderheim geben musste. Im zweiten Band „Insel“, der 15 Jahre früher spielt, begibt sich Hulda auf die Suche nach ihrem Vater, der als US-Soldat für kurze Zeit auf Island stationiert war. Im dritten Band „Nebel“, der 25 Jahren zuvor ansetzt, stirbt ihre Tochter, und Hulda, noch keine 40, muss zusehen, wie ihr altes Leben zerbricht. Und so ist es schließlich der Beruf, der sie trotz allem durchhalten lässt.

 

Am Ende versteht man besser, wie die Polizistin so schwermütig und menschenscheu geworden ist. Und bedauert zugleich, Hulda nicht bei weiteren Ermittlungen begleiten zu können.